Am 06. Juni ist der nationale Sehbehindertentag!
06.
Jun
2021
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Am 06. Juni ist der nationale Sehbehindertentag! Auszubildender Hüseyin Cengeri klärt drei Vorurteile über Menschen mit Sehbehinderung auf

Seit 1988 findet jährlich am 6. Juni der Sehbehindertentag statt. Dieser Tag wurde vom Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband e.V. ins Leben gerufen und dient dazu, auf die Situation und die Bedürfnisse von Menschen mit Sehbehinderung im Alltag aufmerksam zu machen. Doch nicht nur am Sehbehindertentag, sondern an jedem anderen auch, ist es wichtig, sich damit auseinanderzusetzen. Denn nur so können auch Vorurteile aus dem Weg geräumt werden. Hüseyin Cengeri macht am BFW Mainz eine Ausbildung zum Masseur/medizinischen Bademeister und kennt diese Vorurteile sehr gut. Bereits seit seinem 16. Lebensjahr leidet er unter einer starken Seheinschränkung und möchte hier mit drei typischen Vorurteilen aufräumen.

 

1. Menschen mit Sehbehinderung sind nicht in der Lage, alleine das Haus zu verlassen und benötigen immer einen Betreuer/eine Betreuerin

„Falsch! Ich und auch andere Menschen mit Sehbehinderung sind sehr wohl in der Lage, den Alltag alleine zu bestreiten. Das gilt im Haushalt, auf der Straße oder auch in der Ausbildung. Das ist mir persönlich auch sehr wichtig, da ich selbstständig sein möchte und so auch meine Erfahrungen sammle. Klar gibt es immer ein paar Hürden im Alltag, zum Beispiel beim Einkaufen. Ich benutze dort immer meine „OrCam“, eine Brille, die mir zum Beispiel Produktbeschreibungen vorliest oder mir sagt, welchen Geldschein ich in der Hand halte. Wenn aber auch die OrCam mal an ihre Grenzen kommt, kann ich in der Regel auf hilfsbereite Menschen zählen. Es dauert auf jeden Fall seine Zeit, sich gewisse Prozesse einzuprägen, zum Beispiel das Kochen und auch der Weg zur Bahn. Man entwickelt aber seine eigenen Tricks und mit dem Blindenstock kann man sich auch meist alleine gut zurechtfinden.“

 

2. Menschen mit Sehbehinderung können kein Smartphone und Computer benutzen und sind deshalb völlig abgeschnitten von der digitalen Welt

„Falsch! Auch ich chatte gerne mit Freunden und informiere mich im Internet über die verschiedensten Dinge. Die Technik ist glücklicherweise so weit fortgeschritten, dass auch blinde Menschen und Menschen mit einer Seheinschränkung ohne große Probleme die Inhalte konsumieren können. Denn viele Computer und auch Smartphones haben eine spezielle Software, die Menschen mit Sehbehinderung die Inhalte einer Seite vorliest. Beim Computer ist das ein Screenreader und beim Smartphone die Voice-over-Funktion. So kann man zum Beispiel auch Facebook nutzen. Man muss jedoch auch dazu sagen, dass viele Webseiten und auch Social-Media-Kanäle nicht ganz barrierefrei strukturiert sind, was das Lesen manchmal erschweren kann. Oftmals fehlt die Beschriftung der Bilder, Texte sind nicht gut angeordnet oder Videos nicht untertitelt. Viele Menschen haben sich noch nicht mit der Barrierefreiheit im Netz auseinandergesetzt, weshalb es auch Verbesserungsbedarf gibt. Insgesamt sind wir jedoch nicht abgeschnitten von der digitalen Welt und können auch fast alle Funktionen gut nutzen.

Was ich darüber hinaus super finde, ist, dass mittlerweile auch Streaming-Anbieter wie Netflix eine Audiodeskription, also eine Sprachausgabe, bei einigen Filmen anbieten. Dadurch wird mir der Film komplett beschrieben.“

 

3. Nach der Schulzeit werden Menschen mit Sehbehinderung arbeitslos und haben keine Chance in der Berufswelt

„Auch dies ist ein Vorurteil, woran leider noch sehr viele Menschen glauben. Keine Frage, es ist sicherlich schwieriger, mit einer Sehbehinderung einen Job zu finden. Dennoch kann man in vielen Branchen Fuß fassen, zum Beispiel auch im Gesundheitsbereich. Ich habe einiges ausprobiert, bis ich schließlich hier am BFW Mainz gelandet bin und das gefunden habe, was mir wirklich Spaß macht und worin ich auch eine Perspektive sehe. In meiner Ausbildung zum Masseur und medizinischen Bademeister habe ich sowohl theoretischen als auch praktischen Unterricht, der mir zeigt, wie ich anderen Menschen bei gesundheitlichen Problemen helfen kann. Ich habe nach der Ausbildung sogar die Möglichkeit, mich noch weiterzubilden oder auch selbstständig zu machen. Natürlich kann man mit einer Sehbehinderung nicht jeden Job ausüben, zum Beispiel den eines Piloten – das ist ganz klar. Ich hoffe aber, dass man auch in anderen Branchen noch bessere Chancen bekommt und so das Vorurteil komplett widerlegen kann”, so Hüseyin Cengeri.

 

Die Förderung am BFW Mainz

Auch Geschäftsführer Wolfgang Oster appelliert an alle, das Thema Inklusion in den Vordergrund zu rücken: „Der Sehbehindertentag ist gut, um auf die Situation und Bedürfnisse von Menschen mit Sehbehinderung aufmerksam zu machen. Es ist jedoch auch wichtig, dass sich jeder im Alltag noch mehr damit auseinandersetzt, sei es auf digitaler, beruflicher oder privater Ebene. Denn nur so kann man zu einer barrierefreien Gesellschaft beitragen und den richtigen Umgang miteinander pflegen. Dazu gehört ganz klar auch eine berufliche Perspektive – und genau das möchten wir am BFW Mainz fördern. Es gibt viele Berufe, die Menschen mit einer Sehbehinderung ausüben können, zum Beispiel im Gesundheitssegment. Dazu zählt der Bereich der Physiotherapie, Massage und Podologie. Es ist daher auch wichtig, die Chance auf einen dauerhaften Erfolg im Berufsleben zu ermöglichen.“